Archiv der Kategorie: Bolivien 2015

Kakteen im Nebel

Der Tag fing mit einem entspannten Frühstück im Hotel an. Extrem trockenes Brot-Imitat, Möchtegern-Kaffee und dazu ein wenig Fruchtiges. Nach dem opulenten Mahl ging es mal wieder „on the Road again“. Da es keine Tour zu einer nächsten Stadt war, sondern ein Tarija Tag werden sollte, stand heute die nähere Umgebung auf dem Plan. Also irgendetwas im Umkreis von 50 Kilometern.

Die erste Tour führte uns in Richtung E. mammellosa, Cleistocactus hyalacanthus (mit Blüten), C. hankianus, T. cauleszens und O. salmiana. Es bot sich zudem ein toller Anblick. Die Stadt Tarija lag am Fusse des Berges auf dem wir standen. Alles soweit in Ordnung. Prima Pflanzen, Wetter gut (nur ein wenig sehr kühl) und eine Spitzenaussicht.

Es folgte ein weiterer Berg. Hier war es nicht mehr so nett. Der Aggragatzustand des Wassers in der Luft war irgendetwas zwischen Nebel und Schwimmhalle. Die Sichtweiten waren teilweise unter 20 Meter und alles war in kürzester Zeit klamm und nass. So ist es halt in den Bergen beziehungsweise in den Anden. Nur 100 Meter an Höhe können mitunter bedeuten das es hier rapide Wetterwechsel gibt. Eine Entschädigung für dieses Klima-Trauerspiel waren die dort vorkommenden und extrem schwierig zu findenden Rebutien. Wunderschöne Pflanzen die sich gern zwischen anderen Pflanzen verstecken und selbst zudem auch nur weniger als 1,5 cm an Durchmesser haben. Ebenfalls erwähnenswert die teils recht großen Lobivien mit den pupurfarbenen Blüten.

Eine kurze Verschnaufpause gab es dann bei den folgenden C. straussii (Drei Stops, unter anderem mit Ipomoea spec. und zwei weiteren unbekannten Rebutia Arten). Es waren Felswände die mit den grauen behaarten Cleistocactus straussii verziert waren. Ein wenig erinnerte es an einen Kirchenaltar. Erstaunlich hier war nur die extreme Feuchtigkeit und die beeindruckende Kälte. Hier und auch an dem vorherigen Standort war es vermutlich kälter als zur gleichen Zeit zu Hause.

Ein Essen sollte in Tarija für ein wenig Stärkung sorgen (nur 30 BOB) und etwas innerliche Wärme bringen. Da es auch äußerlich etwas gegen die Kälte geben musste, entschieden wir uns dafür noch einmal zum Hotel zu fahren und uns wärmere Bekleidung zu organisieren.

Der Nächste Nachmittagsstop sollte auf ca. 2700 Meter Sulcorebutia Arten mit sich bringen. Soweit kein Problem. Leider war es auch hier wie eine Mischung aus türkischem Dampfbad und Spitzbergen im Spätherbst. Sichtweiten von (mal wieder) unter 20 Metern. Es ist kaum vorstellbar. Man geht zwanzig Meter vom Auto weg, dreht sich drei bis viermal und schon ist die Orientierung dahin. Dazu kommen Temperaturen die man eigentlich nicht mit einem Südamerika Urlaub verbindet. Gefühlt waren es 3-5 Grad. Erschwerend kam noch hinzu das die anwesenden drei Kakteen-Verrückten mit dem Kopf auf den Boden gesenkt in unterschiedliche Richtung liefen und sich nach sehr (!) kurzer Zeit schon bereits aus den Augen verloren hatten. Tragisch komisch 😉 Erschwerend kam noch hinzu das Willy zwischendurch den Wagen umgeparkt hatte. Egal – es gab Pflanzen zu sehen, wir waren nass aber zufrieden. Hoffentlich hat uns niemand beobachtet.

Der letzte Stop des Tages wurde aus Klimatechnischen Gründen gestrichen. Der nächste Berg war einfach nicht mehr befahrbar und hätte uns zu viel Zeit gekostet. Versucht hatten wir es….immerhin die ersten Zehn Kilometer. Auf der Rückfahrt nach Tarija gab es dann noch eine merkwürdige Begegung mit der örtlichen Polizei. Ich glaube die wollte uns nicht filzen sondern nur Geld. Willy hatte es irgendwie mit Diplomatie wieder gerade gebogen. Spanisch wäre hier hilfreich gewesen um die Situation zu verstehen.

Nach diesem merkwürdigen Tag mitsamt den im Wasser stehenden Kakteen, ging es wieder einmal an das Sichern der Daten und die Reinigung der Klamotten und anderer Dinge. Bedingt durch die Trockenheit der letzten Wochen verteilte sich der lehmige Staub überall auf den Pflanzen. Dann kam der Regen und dann die komischen Menschen die durch das Gesträuch zu den Kakteen wollten. Ergo: Lehmgematsche an den Klamotten.

Den Abschluss fand der Tag in einem Grill-Lokal am Busbahnhof in Tarija. Ja ja, mal wieder eines der Dinge die man nicht tun sollte. Ich für meinen Teil hatte Spass daran, weil man hier viel vom Leben mitbekommt. …und irgendwie ist es auch wie jeder andere Busbahnhof in der Welt: keiner bringt einen um, es gibt was zu essen und irgendwie sind alles auch nur Menschen mit Bedürfnissen. 🙂

Sorry, es war doch nicht der richtige Abschluss des Tages. Der kam erst nach dem Essen im Hotel. Nachdem man tagsüber an diversen Weingütern vorbeigefahren ist, musste am Abend einfach noch ein bolivianischer Rotwein organisiert werden. Zum Glück war der Supermercado noch auf. Ein bis zwei Gläser dürfen es nun also noch sein. So gegen Zehn kommt ja wieder der nächste Flug in Tarija an. Den Vibrationen und der Lautstärke der letzten Nacht nach zu urteilen müsste er auf dem Dach des Nachbarhauses gelandet sein. Die Erkenntniss kam nachdem man sich darüber beklagte das die Autos so laut sind! 😉

Dennoch….alles ist gut! (Abgesehen von dem Sonnenbrand von gestern.)

Rebutia, Azorella & das Auto

Der Tag startete mit einer entspannten Fahrt von Tupiza in Richtung Tarija. Es war eine Straße unter anderem aus einer 100 Kilometer langen Schotterpiste bestand und uns über einen Pass von über 4200 Metern führen sollte.  Das Ziel: die Weinregion Boliviens auf 1800 Metern. Auf den ersten Kilometern haben wir übrigens noch einen Bolivianer mitgenommen. Er stand auf der Ladefläche und hätte ohne uns einen Fussweg von zwei Stunden zur Arbeit gehabt. Anschließend ging es dann weiter ohne Passagier.

Unterwegs kam ich später auf die Idee nach einem Stop zu fragen. Aus dem fahrenden Wagen heraus sah ich kugelförmige Kakteen und ich vermutete irgendetwas was zur Gattung Parodia gehörte. Der Fotostop auf 3837 Metern war so nicht geplant und brachte so einige Überraschungen mit sich. Es gab mindestens zwei verschiedene Rebutien mit Blüten (orange und rot) sowie Lobivias mit gelben Blüten und fantastische üppige grüne Azorella Polster. Weitere Highlights waren Austrocylindropuntia schafferi (rot) und Parodia massii. Die Parodia massii waren offensichtlich aber bereits von humanoiden Zweibeinern heimgesucht worden. Die Scheitelwolle war zerwühlt und alles deutete auf eine Ernte der Samen hin. Auf die Frage hin wie dieser Ort heißen würde, schlug Willy Cay-Mountain vor. Es erfüllte mich mit Stolz, wird aber wohl nicht in den Geschichtsbüchern niedergeschrieben werden. 😉

Der nächste planmäßige Stop führte uns zu Weingartia cintiensis. Prächtige große Pflanzen mit Früchten und gelben Blüten. Inmitten von rotem Fels und daraus entstandenen feinen Staub waren die Pflanzen relativ leicht zugänglich. Lediglich die Temperaturen von über 35 Grad pressten einem die letzte Flüssigkeit aus den Poren und ließen recht schnell die Kräfte schwinden. Eine Stärkung für 20 Bolivianos gab es anschließend in El Puente. Umgerechnet 2,50 Euro sind nicht wirklich viel wenn man bedenkt das jemand bei dieser Hitze alles mit Liebe zubereitet.

Bei so viel Schönem lechzte unser Auto wahrscheinlich auch nach Aufmerksamkeit. Sie, oder Es, entschloss sich von nun an die Horsepower durch Hamsterpower zu ersetzen. Nun ging es also die Berge mit 20 Kilometer pro Stunde bergauf…oder auch nicht. Manchmal passierte halt auch nichts oder es kam ein glucksen und ploppen aus dem Auspufftopf. El Puente hatten wir schon knapp 15 Kilometer hinter uns gelassen. Die Idee: erst einmal die Motorhaube öffnen und sehen was dort so auffällig ist. Die Idee das es vielleicht am Luftfilter liegen könnte, brachte uns dazu diesen auszubauen und die darin enthaltene Sandkiste zu  leeren. Die Besserung war mäßig und der Abenteuerfaktor groß. ADAC gibt es hier nicht. Wir fuhren also wieder zurück nach El Puente zu einer Werkstatt. Der einzigen im Ort. Der Mechanico pustete mit Druckluft den Luftfilter sauber, bekam 10 BOB und weiter ging es – mit dem gleichen Problem wie zuvor. Erst vierzig Kilometer vor Tarija quälte sich die alte Dame mit dem 5 Liter Motor und stellte uns wieder stetig mehr Leistung zu Verfügung. Die Sorge mitten im Nichts stehen zu bleiben fuhr mit.

Später als erhofft kamen wir dann doch in Tarija an. Nebenbei bemerkt mit einem leeren Tank. Danach das Übliche: Agua sin gas kaufen, Daten sichern, Essen gehen und danach im Bett kollabieren. Direkt an der Hauptstraße wird es dann wohl eher wenig erholsam ausfallen. Um dies morgen zu kompensieren wurde schon einmal der Entschluss gefasst einen hiesigen Wein zu verkosten.

Tupiza und „Umgebung“

Heute tummelten wir uns in der „Nähe“ von Tupiza. Für den Nachmittag ist es soweit richtig, am Vormittag waren wir an der argentinischen Grenze im Südwesten in der Nähe von Villazon. Es gab Weingartia neumannia zu sehen und mit ein wenig Glück auch Knospen und Früchte an diesen tief in den Boden zurückgezogenen Pflanzen. Es war extrem trocken und die Pflanzen waren zum Teil nur noch an den erhabenen Dornen zu finden. Es war extrem heiß, windig und staubig. Egal – es war ein Erlebnis. (Habe mir gerade während des Schreibens eine Flasche Bier bestellt und mit 2 BOB dem Kellner ein Lächeln in das Gesicht gezaubert. 1 Liter Huari = 15 BOB! Sorry, bin ein wenig dehydriert. :-))

Mittag gab es in Tupiza. Wie der Ortsname vermuten läßt gab es Pizza. (Kleiner Scherz des Autors) In der Tat gibt es viele Läden die auf Touristen ausgerichtet sind. Tupizza ist DER Ausgangsort für Touren zu dem Salar de Uyuni – dem weltweit größten Salzsee. Erst heute Morgen sind einige Jeeps mit haufenweise Zeugs auf dem Dach aufgebrochen.

Der Nachmittag fand fast noch im Stadtgebiet statt. Erst ging es an einen Blossfeldiafelsen. Auch hier waren die Pflanzen extrem wegen der Trockenheit geschrumpft. Auch die hier vorkommenden Parodia maassii waren extrem bedornt und nicht so üppig wie in der Nähe von La Quiaca auf der argentinischen Seite. Beide Arten hatten auch Früchte.

Der letzte Stop führte uns zu einem Vorkommen von Weingartia kargliana. Fantastische Pflanzen mit kräftiger dichter Bedornung. Das einzig unschöne: die Pflanzen wachsen an einem Hang mit Quarzgeröll. Optisch sehr schön. Für jemanden wie mich extrem blöd. Mir fehlen leider die Gene einer Bergziege.

Der Tag war ansonsten sehr kurz. Dies ist soweit nicht tragisch, da die Touren von einem Ort zum nächsten doch teilweise recht anstrengend sind. Hier, bei knapp 3000 Metern, kann man auch wieder relativ gut atmen.

Um halb acht gibt es dann wieder das obligatorische Abendessen mit Willy. Bei all den netten Läden ist es glücklicherweise nicht so schlimm ein gutes Restaurant zu finden wie in Potosi.

Das tägliche Sichern der Bilder ist auch bereits abgeschlossen. Es wäre zu vermuten das ich mir über die weitere Lagerung dieser mittlerweile abartigen Datenmengen noch Gedanken machen muss. Aber so ist es eben wenn man eine Reise macht von der man vorher weiß das es etwas Einmaliges sein könnte. Es ist selbstgemachtes Leid. Welcher Dussel rennt auch schon mit einer Videokamera und drei Fotoapparaten am Hals bei über 30 Grad in der Mittagssonne herum.

Noch ein Wort zum morgigen Tag. Der Plan: auf nach Tarija. Ein „wenig“ Rough-Road (Ein Griff in die Pharmakiste wird hier wohl nötig sein.) und viele Kakteen.

Im Oreocereus-Wald

Der Tag sollte mit einer Abfahrt in das tiefergelegene Tupiza entspannt starten. Die Richtung stimmte nur mit der Entspannung sollte es nicht klappen. Ein Auto-bezogenes Event kam einmal wieder dazwischen. Kurz hinter Potosi hielt uns die Polizei an und behauptete das wir zu schnell gewesen wären. Das war so nicht richtig, aber darum ging es offensichtlich auch nicht. Wenn es heißt „Wir Bolivianer werden in Argentinien auch schlecht behandelt.“ dann ist einem schon klar woher der Wind weht. Es ging um Geld – nichts weiter. Lautstarke Diskussionen und die Androhung das wir nach Potosi gebracht werden würden gingen einer stattlichen Geldzahlung von 200 Bolivianos vorraus. Ungerecht und absolut unschön. Aber was will man machen? Noch mehr diskutieren? Lieber nicht.

Der Rest des Tages war dafür um so schöner. Unglaubliche Landschaften die es einen fast vergessen ließen die Kamera in die Hand zu nehmen und eine unglaubliche Fülle an Kakteen. Das Besondere Heute: atemberaubende Wälder mit Oreocereus und Trichocereus Kakteen. Auch hier darf ich wieder einmal sagen: Die Bilder sprechen für sich…immerhin ist es schon spät 😉

Mittlerweile in Tupiza angekommen, wurden wieder Pläne für den nächsten Tag geschmiedet und ein fantastisches Abendmahl eingenommen. Morgen geht es in Richtung Villazon an der argentinischen Grenze. Es erwarten uns Blossfeldien und andere Schönheiten. Einzig das Wetter könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen. Seit geraumer Zeit hat es nicht mehr geregnet und das bedeutet das die Pflanzen teilweise komplett in der Erde verschwunden sind. Mit ein wenig Glück helfen uns die dazugehörigen Blüten auf die Sprünge.